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Boßeln Ein disziplinierter Leistungssport !
Wann und wo die erste Boßelkugel geworfen wurde und wer damit die Wellen einer überschäumenden Begeisterung über eine ganze Region hinwegrollen ließ, ist den vielen vorhandenen Schriftstücken über die Entwicklungsgeschichte des Klootschießens und Boßelns nicht zu entnehmen. Fest steht, dass aus dem Boßeln für die Bewohner an der Nordseeküste und dem nördlichen Oldenburger Land ein Volkssport entstanden ist, der bis heute nicht nur in seinem Ursprung erhalten werden konnte, sondern im Laufe der Zeit vom FKV (Friesischer Klootschießer-Verband) mit seinen beiden Landesverbänden Oldenburg und Ostfriesland zu einem disziplinierten Leistungssport entwickelt worden. Das Wort "diszipliniert" ist hier bewusst eingefügt worden, weil es vor der Gründung des FKV bei der Ausübung des Friesenspiels nicht nur zu sportlichen sondern oft auch zu tätlichen Auseinandersetzungen gekommen sein soll. Diesen negativen Auswirkungen ein Ende zu setzen, sollte der Zusammenschluß der Ostfriesen und Oldenburger zu einem Verband dienlich sein.
Klootschießerlandesverband Oldenburg e. V. : Gründung am 11. November 1951 7 Kreisverbände mit 117 Vereinen und ca. 16.000 Mitgliedern: Butjadingen 14 Vereine 1454 Mitglieder Stadland 10 Vereine 1256 Mitglieder Ammerland 39 Vereine 4890 Mitglieder Waterkant 10 Vereine 1629 Mitglieder Jeverland 20 Vereine 2775 Mitglieder Friesische Wehde 14 Vereine 2661 Mitglieder Wilhelmshaven 10 Vereine 1310 Mitglieder
Klootschießerlandesverband Ostfriesland e. V. : Gründung im August 1947 6 Kreisverbände mit 145 Vereinen und ca. 26.000 Mitgliedern: Aurich 33 Vereine 6371 Mitglieder Esens 25 Vereine 6047 Mitglieder Friedeburg 18 Vereine 2790 Mitglieder Leer 13 Vereine 1389 Mitglieder Norden 45 Vereine 7237 Mitglieder Wittmund 11 Vereine 2467 Mitglieder
Mit der Schaffung mehrerer Leistungsklassen und der alljährlichen Austragung der Mannschafts- und Einzelmeisterschaften auf Kreis-, Landes- und Verbandsebene wird einmal mehr demonstriert, dass allein sportliche Leistungen gefordert sind und dass man sich vom "gesellschaftlichen Spiel" um materielle Preise längst getrennt hat. Die von vielen Klootschießer- und Boßelvereinen alljährlich veranstalteten Vereinsfeste mit Preisboßeln und anderen Vergnügungen müssen in diesem Zusammenhang aus anderer Sicht betrachtet werden. Um an regionalen oder gar internationalen Wettbewerben teilnehmen zu können, werden sicherlich Höchstleistungen gefordert. Wer aber in diesen Spitzensport nicht eindringen kann oder ihn wieder verlassen hat, braucht sich vom Leistungssport nicht ausgeschlossen zu fühlen. In allen Altersklassen steht jedem der höchste Titelgewinn im FKV sowohl mit der Mannschaft als auch als Einzelkämpfer in jedem Jahr offen.
Schüler und Jugend werden in ihren Vereinen in ein vielseitiges Trainingsprogramm eingebunden. Neue Übungsmethoden für das Boßeln wurden entwickelt, die jetzt ein gezieltes Training in der Halle ermöglichen. Talentförderung betreiben vor allen die Boßelzentren in Ostfriesland. Dem Nachwuchs ist somit die Möglichkeit gegeben, sich dem Leistungssport zuzuwenden, um sich vielleicht einmal im EM-Kader des FKV wiederzufinden.Wer sich diesem Leistungsdruck nicht aussetzen möchte, der genieße das Boßeln als sein Freizeitvergnügen und erfreue sich an der Schöheit seiner Heimat, die sich nicht nur wegen der ständig wechselnden Wettkampforte sondern auch jahreszeitlich bedingt in immer anders erscheinenden Bildern zeigt. Auch das ist unser Sport!Unzertrennlich mit dem Klootschießen und Boßeln verbunden ist selbstverständlich "us Mooderspraak". Sie in ihrer originären Art zu prooten oder zu snacken wird wohl am besten den Käklern und Mäklern auf der Strecke gelingen. Die Erhaltung und Pflege der plattdeutschen Sprache hat sich der FKV in seiner Satzung zur Pflicht gemacht! Der FKV ist heute ein gemeinnütziger eingetragener Verein. Er ist kulturell in den Landschaften Oldenburg und Ostfriesland eingebunden und gehört dem Landessportbund Niedersachsen und somit dem Deutschen Sportbund an. Im Mai 2002 feierte man beim FKV sein 100-jähriges Bestehen. Alle selbständigen Verbände aus Irland, Nord-Irland, Holland, Schleswig-Holstein und aus dem Raum des Friesischen Klootschießerverbandes haben sich zu einem europäischen Verband, der "International Bowl-Playing Association", zusammengeschlossen. Dieser Verband führt alle 4 Jahre, im Wechsel der Nationen und Verbände, eigene Europameisterschaften durch. Der nächste Austragungsort ist 2004 Westerstede.
Zur Entwicklung des Boßelns
Klootschießen, oder laut Literatur eine Abart desselben, das sogenannte Boßeln mit Kugeln beliebiger Größe hat hier schon seit langer, langer Zeit eine gute Pflegestätte gefunden.; es ist bekannt, dass schon vor fast 200 Jahren (vielleicht auch noch früher) unsere Vorfahren mit Vorliebe an Sonn- und Feiertagen sich des schönen und gesunden, volkstümlichen Spiels des Boßelns erfreuten. Während das Klootschießen in den Marschgegenden nur zur Winterzeit, wenn der Frost den Boden überall hart gemacht hat, geübt wurde, wurde im Geestbereich immerzu Sommer und Winter geboßelt, wenn nur die Wege nicht allzu "schettrig" waren. Zum Unterschied von dem Klootschießen in der Marsch wurde das Boßeln hier fast ausschließlich nur auf Privatwegen (auf öffentlichen Wegen war es nicht erlaubt) ausgeübt, weil das hiesige, von der Marsch so unterschiedliche Gelände mit seinen Hecken, Wällen und Büschen ein Werfen mit Klootkugeln nicht zuließ. In jeder Dorfschaft gab es einige mehr oder weniger geeignete Boßelwege. Die boßelkundigen und -lustigen Mannspersonen trafen sich nachmittags in verschiedenen Köppeln zusammen, um in friedlichen Wettkämpfen ihre Kunst im Kugelwerfen gegeneinander zu messen. Seit jeher ist das Werfen nicht nur ein Vergnügen für die jungen Leute, es beteiligen sich auch noch ganz alte Veteranen. Häufig sollten Verbote die Boßeler wegen des ständig anwachsenden Verkehrsaufkommens von den Straßen und Wegen fernhalten. Die Behörden sollten besser der Bedeutung manch alter Bräuche Rechnung tragen, anstatt dieselben durch polizeiliche Verbote zu unterdrücken - niedergeschrieben in einem Artikel von 1904. Die Boßelkugeln wurden früher aus heimischen Hölzern, vielfach aus Apfel-, Birnen oder Zwetschgenbäumen gedreht und hatten einen Durchmesser von ca. 10,5 cm. Später setzte sich immer mehr die Pockholzkugel durch, die ein höheres Gewicht hatte. In den Nachkriegsjahren kamen aus Kostengründen zeitweise die heimischen Hölzer wieder zum tragen. Um das Gewicht der Pockholzkugel zu erreichen, wurden diese mit Blei vergossen. Einige Jahre später fertigte man dann Kugeln aus festem Gummi an, die einen Blei- oder Eisenkern besaßen, um ihnen ein höheres Gewicht zu geben.
Das Klootschießen
Urkundlich nachweisbar ist das Klootschießen seit etwa 600 Jahren, man mißt dem heutigen Spiel zwei damalig lebensnotwendige Bedeutungen zu: 1. Die Friesen mußten sich gegen von See her eindringende Feinde wehren. Sie formten aus Klei und Lehm sogenannte "Kluten" (daher der Name Kloot) in Kugelform und brannten sie steinhart. Diese Kugeln schleuderte man dem Feind entgegen. Im Frieden wurde gebrannt und geübt und wenn der Feind kam, beteiligten sich ganze Familien an dieser Abwehr. 2. Die Klootkugeln sollen als Bergungsgerät gedient haben. Die Strand- und Küstenbewohner befestigten die Klootkugeln an langen Leinen, warfen dann diese Kugeln über vorbeitreibendes Strandgut und zogen es so an Land. Auch Schiffbrüchigen soll man auf diese Weise geholfen haben. Die wechselvolle Geschichte des Klootschießens hat den Regierenden schlaflose Nächte bereitet. Wenn man bedenkt, daß vor 100 Jahren zu den großen Feldkämpfen bis zu 20.000 Zuschauer kamen, die zu Fuß, zu Pferd oder mit Pferd und Wagen oft tagelang unterwegs waren, kaum etwas zu Essen bekommen konnten und zum Aufwärmen auch noch Alkohol zu sich nahmen, ist wohl klar, daß die Obrigkeit um die Ruhe und Ordnung besorgt war. Die Klootkugel ist eine viermal durchbohrte Hartholzkugel von 58 mm Durchmesser und einem Gewicht von 475 Gramm. Dieses Gewicht wird durch die in den Bohrungen eingebrachte Bleifüllung erreicht. Für die Schüler-, Jugend-, Frauen- und Altherrengruppen betragen die Gewichte 250 bzw. 375 Gramm. Der Standkampf wird auf einem Sportplatz bzw. auf einer Wiese durchgeführt. Alle Werfer werfen von einer Grundlinie ab. Die Weite des Wurfes wird vom Abwurf bis zum Aufschlag der Klootkugel auf dem Boden in Metern und Zentimetern gemessen. Der Feldkampf wird in der Regel nur im Winter auf hartgefrorenem und nicht von Schnee bedecktem Wiesengelände durchgeführt. Hier wird immer mit dem Trüll gemessen. Es werfen 2 Mannschaften gegeneinander. Die beiden ersten Werfer beginnen an einer Abwurflinie. Die jeweiligen weiteren Werfer werfen von der Stelle ab, die der vorhergehende Werfer seiner Mannschaft erreicht hat, usw. Die Wettkampfstrecke kann 3-4 Kilometer lang sein, danach wird gewendet. Das Ziel liegt dann also in der Nähe des Abwurfes. Sieger ist die Mannschaft, die mit den wenigsten Würfen die festgelegte Strecke durchworfen hat.
Das Boßeln
Das Straßenboßeln kam um die Jahrhundertwende als Spiel hinzu. Es findet auf ganz normalen Landstraßen statt und ist inzwischen die wohl beliebteste friesische Sportart. Sie wird neben dem Punktspielbetrieb von vielen Gruppen, Betrieben oder Straßengemeinschaften als Freizeitwettstreit mit anschließendem gemütlichen Beisammensein betrieben. Wir kennen zwei Arten von Boßelkugeln. Die Maße und Gewichte sind für alle Klassen, angefangen von den Schülern- bis zu den Seniorenklassen beiderlei Geschlechts, genau festgelegt: Die Pockholzkugel (seit einigen Jahren aus Kunststoff gefertigt) hat einen Durchmesser von 8 bis 12 Zentimetern und ein Gewicht von 800 bis 1200 Gramm. Die Gummikugel ist kleiner, hat einen Durchmesser von 8,5 bis 10,5 Zentimetern und wiegt 800 bis 1100 Gramm. Auch beim Boßeln wird die Strecke vor dem Wettkampf festgelegt. Zu einer Werfergruppe gehören 5 Werfer und zu einer Mannschaft 1 bis 4 Gruppen, so daß maximal 20 Werfer auf jeder Seite zum Einsatz kommen. Auch beim Straßenboßeln wird bis zu einer vorher markierten Wende geworfen, damit das Ziel auch in der Nähe des Abwurfes liegt. Die Hauptwettkampfzeit bei den Klootschießern und den Boßlern liegt in den Wintermonaten. Geworfen wird in verschiedenen Klassen und Ligen. Die Zugehörigkeit regelt ein Punktsystem, welches über einen Auf- und Abstieg entscheidet. Boßeln und Klootschießen ist ein friesischer Nationalsport, aber nicht unlehrnbar.
Klootschießen und Boßeln - Die Entstehung der Spiele
Über den Ursprung des Klootschießens und des später daraus entstandenen Boßelns sind sich die Forscher bis heute ganz nicht einig. Ob die Friesen sich mit dem Kloot (abgeleitet von "Kluten" = Erdklumpen) gegen Angreifer wehrten oder ob sie den Kloot benutzten, um Treibgut aus dem Wasser zu fischen - sicher ist jedenfalls, dass das Klootschießen seinen Ursprung in den Küstenregionen der Nordsee hat. Bevorzugt wird aber im Allgemeinen die Variante des Kloots als Wurfgeschoss. Nachdem der praktische Zweck wegfiel, die Kugel weit und gezielt zu werfen, entwickelte sich das Spiel. Es traten Spieler von Dörfern, Kirchengemeinden und Familien im Wettbewerb gegeneinander an. Etwa um das Jahr 1500 wird das Werfen mit dem Kloot in mehreren Urkunden zum ersten Mal erwähnt, die Kugeln selbst sind mit Sicherheit viel älter. Bei Ausgrabungen wurden etwa 2000 Jahre alte Kugeln gefunden, die aus gepresstem Klei bestanden und vermutlich als Wurfgeschosse gedient hatten. In den Niederlanden tauchten etwa 700 Jahre alte Klootkugeln auf, die bereits die heutige Form hatten - Holzkugeln, kreuzweise durchbohrt und mit Blei ausgegossen. Das Spiel war der Obrigkeit bald ein Dorn im Auge, weil es einigen Ärger mit sich brachte: Es wurde um Geld, Alkohol und Wertgegenstände gewettet, übermäßiger Alkoholgenuss führte zu üblen Raufereien mit manch schwerer Verletzung. Mitte des 16. Jahrhunderts sprachen sich eben wegen des Sittenverfalls die reformierten Kirchen gegen das Klootschießen aus, während die Lutheraner sich weit toleranter zeigten. So konnte sich das Klootschießen vor allem in lutheranischen Gegenden ausbreiten. Es folgten mehrere Verbote von staatlicher Seite, doch die Ostfriesen ließen sich dadurch nicht beeindrucken und spielten weiter. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Klootschießen wieder erlaubt und es wurde gar der turnerische Nutzen entdeckt. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand dann das Boßeln. Die Kugeln waren schwerer, die Wurftechnik dagegen einfacher als beim Klootschießen und so konnte sich das Spiel zu einem wahren Volkssport entwickeln, an dem sich heute auch Kinder und Frauen beteiligen. Ein weiterer Vorteil des Boßelns ist die Tatsache, dass es zu jeder Jahreszeit betrieben werden kann, während die Klootschießer bei ihren Wettkämpfen auf gefrorenen Boden angewiesen sind. Gute Klootschießer erreichen mit ihren Würfen über hundert Meter - der Kloot würde im nicht gefrorenen Boden einfach steckenbleiben.
Feste Strukturen für das Friesenspiel entstanden in Ostfriesland 1902 durch die Gründung des Friesischen Klootschießer-Verbandes (FKV), in dem sich auch die Boßeler organisierten. Klare Regeln gab es lange Zeit nicht, aber zum Klootschießen gehörten viele Sitten und Gebräuche, denen die Ostfriesen treu geblieben sind. Im Lauf der Jahre prägten sich auch viele regionale Eigenheiten beim Klootschießen und Boßeln aus und noch heute kann es sein, dass bei Mannschaften, die gegeneinander antreten, die Reihenfolge der Werfer unterschiedlich geregelt ist. Klootschießen und Boßeln sind heute bei den Nordfriesen, den Ostfriesen und in Oldenburg verbreitet. Die Hochburg der Boßeler und Klootschießer ist sicherlich Ostfriesland, was die Nordfriesen wiederum nicht so gerne hören. Höhepunkt der Wettkämpfe ist jedes Jahr der Feldkampf Ostfriesland - Oldenburg. In den 30er Jahren entstanden Kontakte zu Klootschießern in den Niederlanden, später auch nach Italien und nach Irland in die Grafschaft Cork. Der erste offizielle internationale Wettkampf wurde 1969 ausgetragen und bei dieser Gelegenheit auch gleich die International Bowl-Playing Association (IBA) gegründet. Die damals festgelegten Wettkampfregeln für das Werfen nach friesischer, holländischer und irischer Art gelten bei den Europameisterschaften noch heute. Über Jahrhunderte waren Klootschießen und Boßeln nur den Männern vorbehalten. Die traditionsbewussten Boßeler lehnten die Zulassung von Frauen in ihren Verbänden strikt ab, woraufhin in den 50er und 60er Jahren etliche hartnäckige Ostfriesinnen eigene Gruppen gründeten. Das Frauen-Boßeln breitete sich schlagartig aus und inzwischen sind die Frauen längst in den Vereinen und Verbänden fest integriert.
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